Digitales Zentral Bank Geld : Geld zwischen Schleier und Tabu (2)

Post 2009 Kopfschütteln

Der technologische Wandel stellt das Finanzwesen auf den Kopf

economist.com/leaders/2021/05/08/the-digital-currencies-that-matter

Entgegen manchen Erwartungen stellte der 2009 Finanz-Crash weder das Finanzwesen noch den übrigen Status Quo auf den Kopf. Diese politische Ohnmacht kontrastiert mit der transformativen Kraft der Technologie. Besonders wenn kombiniert mit der Marktmacht der grossen e-Plattformen. Eine Facebook Währung macht Angst die Kontrolle zu verlieren. Vor allem wenn man meint sie bisher gehabt zu haben.

Stagnierendes Wachstum, Null-Inflation und Minus-Zinsen haben das Finanz-und Währungs-Establishment zu einem Umdenken veranlasst. Die Banker mussten sich den ökonmischen Realitäten anpassen. Nicht aber die orthodoxe Ökonomie. Seit 2009 schüttelt man lieber ungläubig den Kopf. So kann das eigentlich alles nicht wahr sein. Doch Zehn Jahre danach droht der entfesselte Digitaldrache dem Eingemachten das Aus zu machen. So sieht es TheEconomist:

“Der technologische Wandel stellt das Finanzwesen auf den Kopf. BitCoin hat sich von einer Besessenheit von Anarchisten zu einer Anlageklasse von 1 Billion US-Dollar entwickelt, von der viele Fondsmanager darauf bestehen, dass sie in jedes ausgewogene Portfolio gehört. Schwärme digitaler Daytrader sind an der Wall Street zu einer Macht geworden. PayPal hat ? Benutzer, ein Zeichen dafür, dass Amerika zu Chinas digitalen Zahlungsgiganten aufholt. Doch wie unser Sonderbericht erklärt, kann die am wenigsten beachtete Störung an der Grenze zwischen Technologie und Finanzen als die revolutionärste enden: die Schaffung digitaler staatlicher Währungen, die in der Regel darauf abzielen, Menschen zu ermöglichen Gelder direkt bei einer Zentralbank zu hinterlegen unter Umgehung der herkömmlichen Kreditgeber. “

economist.com/2021/05/08/the-digital-currencies-that-matter

“Am wenigsten beachtet.” Beachted von der orthodoxen Ökonomie. Fiat-Kritiker, Goldbugs, Geldreformer, FinTechFreaks und Krypto-Disintermediatoren reden schon länger über wenig Anderes. Beachtenswert: Das am wenigsten Beachtete hat mit Geld zu tun.

“Wirtschaftliches Handeln kann zumindest in einer kapitalistischen Gesellschaft nicht ohne Berücksichtigung des Geldes erklärt werden, und praktisch alle ökonomischen Aussagen beziehen sich auf die Funktionsweise eines gegebenen Geldsystems.”

Joseph Schumpeter 1939 The Economist special report 2021 uebersetzung: google/caw

TheEconomist zitiert Schumpeter, folgt aber nicht seiner Kritik an Savings&Loans. Dieser klassische Fehler sitzt tief in der Schatzkammer der angesparten Urgeschichten des Geldes. Das Märchen der Sparsamkeit beginnt mit der unbefleckten Geburt des Geldes aus dem Tausch : ein neutrales Mittel zum Zweck des Tausches. Ein Medium was besonders schmeckt wenn es sich leckt wie Gold…

Geld zu verstehen ist nicht Ziel der orthodoxen Ökonomischen Unterweisung. Geld ist neutral. “Das Geldsystem” ist keine Kapitelüberschrift in Mankiw.

Die orthodoxe Equilibrium Ökonomie hat theoretisch keinen Platz für’s Geld und leugnet praktisch die Relevanz des Kreditgeldes. Giral-, Kredit- oder Schuld-Geld ist aber das dominante Geld im real existierenden Geldsystem: Wären alle Schulden bezahlt, bliebe kaum Geld über (<10%). Dies ohne Kopfschmerz zu begreifen ist einfacher wenn man versteht: Spareinlagen werden nicht zu Darlehen. Darlehen werden zu Einlagen. Das ist Post-Keynesian 101. 

Die Klassische “Savings&Loans” Spar-Brille

Saving&Loans auf den Kopf zu stellen mag heterodoxe Ökonomie sein, enspricht aber orthodoxem Sprachgebrauch. Da kann man nur verleihen was man schon hat. Da Banken “verleihen” was sie nicht haben muss es sich wohl um eine heterodoxe Form des Verleihens oder einen unorthodoxen Sprachgebrauch handeln?

„Es ist viel realistischer zu sagen, dass die Banken „Kredit schaffen“, das heißt, dass sie mit ihrer Kreditvergabe Einlagen schaffen, als zu sagen, dass sie die ihnen anvertrauten Einlagen verleihen. Und der Grund, darauf zu bestehen, ist, dass die Einleger nicht mit dem Abzeichen einer Rolle ausgestattet werden sollten, die sie nicht spielen. Die Theorie, an der Ökonomen so hartnäckig festhielten, macht (alle) Einleger zu Sparern, wenn sie weder sparen noch die Absicht haben, es zu tun; sie schreibt ihnen einen Einfluss auf das „Kreditangebot“ zu, den sie nicht haben.

Die Theorie der „Kreditschöpfung“ erkennt nicht nur offensichtlichen Tatsachen an ohne sie durch künstliche Konstruktionen zu verschleiern; sie zeigt auch den eigentümlichen Mechanismus des Sparens und Investierens, der für eine vollwertige kapitalistische Gesellschaft charakteristisch ist, und die wahre Rolle der Banken in der kapitalistischen Evolution. Mit weniger Einschränkung als in den meisten Fällen, stellt diese Theorie daher einen definitiven Fortschritt in der Analyse dar.“ 

degruyter.com – J. A. Schumpeter Bankkredit und die „Schaffung“ von Einlagen 2016

So wie für die orthodoxe Ökonomie bleibt auch für TheEconomist das auf den Kopf stellen von “Savings&Loans” weiterhin ein schwindelerregender Schubs aus der Komfortzone. Aufgrund aktuellster Forschung hatte TheEconomist Ende letzten Jahres mutig vorgewagt und erwogen die “Sparflut” eher als “Kreditflut” zu begreifen.

Doch im Spezialreport wird die klassische Savings&Loans Spar-Brille nicht abgesetzt. Als ob man vergass dass man sie trägt. So verliert man sich bisweilen in widersprüchlicher Verwirrung. (siehe unten 101=404).

TheEconomist zitiert zwar mehrfach Schumpeter, aber nicht seine berühmte Bemerkung zur außergewöhnlichen Schwierigkeit einem Ökonom zu erklären dass Darlehen zu Einlagen führen.

Es erwies sich für Ökonomen als außerordentlich schwierig zu erkennen, dass Bankkredite und Bankinvestitionen Einlagen schaffen.

Schumpeter 1939

Durch die S&L Spar-Brille sieht man womöglich das digitale Geld besonders flimmernd und verschwommen. Entsprechend empfängt TheEconomist die neue digitale Inkarnation in hoffnungsvoller Demut.

Diese “govcoins” sind eine neue Inkarnation des Geldes. Sie versprechen, das Finanzwesen besser funktionieren zu lassen, aber auch die Macht vom Einzelnen auf den Staat zu uebertragen, Kapitalallokation zu verändern und sich geopolitisch auszuwirken. Sie sind mit Optimismus und Demut zu behandeln.

economist.com/2021/05/08/the-digital-currencies-that-matter

Das ist ernst. CBDC machen wiegesagt alles Mögliche möglich. Der digitale Drache hat ein Pandorra-Ei in Wicksell’s leere Nest gelegt. Fast alarmiert kommt der Leitartikel zu dem Schluss: äöüÄÖÜ

Neues Geld, neue Probleme – Ein so großes Spektrum an Chancen und Gefahren ist entmutigend. Es ist aufschlussreich, dass Chinas Autokraten, die Kontrolle über alles schätzen, die Größe des E-Yuan begrenzen und gegen private Plattformen wie Ant vorgehen. Offene Gesellschaften sollten auch vorsichtig vorgehen, indem sie beispielsweise Konten in digitaler Währung begrenzen.

Regierungen und Finanzunternehmen müssen sich auf eine langfristige Verschiebung der Funktionsweise von Geld vorbereiten, die so folgenschwer ist wie der Sprung zu Metallmünzen oder Geldnoten. Das bedeutet, die Datenschutzgesetze zu verstärken, die Führung von Zentralbanken zu reformieren und die Privatkundenbank auf eine eher periphere Rolle vorzubereiten. Staatliche digitale Währungen sind das nächste große Experiment im Finanzbereich, und sie versprechen wesentlich folgenreicher zu sein als der bescheidene Geldautomat.

economist.com/leaders/2021/05/08/the-digital-currencies-that-matter

Soweit schafft es TheEconomist private Geldschöpfung nicht zu erwähnen. Man könnte fast meinen wir leben in einem Vollgeldsystem. Doch im Spezialreport selbst lässt sich das Thema nicht länger vermeiden. TheEconomist erklärt die real existierende Geldschöpfung so:

Die privaten Teile des Geldsystems sind die Banken. Sie erbringen Bankdienstleistungen, indem sie Einlagen sammeln und Kredite vergeben. Indem die Banken nur einen Teil dieser Einlagen halten und den Rest verleihen, schaffen sie Geld: die ursprünglichen Einlagen bleiben vollständig abrufbar, aber es gibt jetzt neue Einlagen aus dem Krediterlös. Alle Einzahlungen können als Zahlungsmittel verwendet werden.

Aber das neue Geld entsteht durch den bloßen Federstrich der Bankiers. „Der Prozess, mit dem Banken Geld verdienen, ist so einfach, dass der Verstand abgestoßen wird“, schrieb J.K. Galbraith 1975. “Wo etwas so Wichtiges im Spiel ist, scheint nur ein tiefes Geheimnis angebracht.”…

economist.com/special-report CBDC 5/2021

Schauen wir mal im Detail auf TheEconomist’s Erzahlung:

“… Banken … erbringen Bankdienstleistungen, indem sie Einlagen sammeln und Kredite vergeben.”

Man blickt durch die “savings&loans” Brille: Banken sammeln ersparte Einlagen und verteilen sie dann als Kredite. Dieses kuschelige Sparmärchen kann The Economist nicht loslassen. Die Realität „Kredite schaffen Einlagen“ bleibt abstoßend. Oder einfach nur außerordentlich schwierig?

Stur hält TheEconomist sich an den Bruchteilen fest:

“Indem sie nur einen Teil dieser Einlagen halten und den Rest verleihen, schaffen Banken Geld …”

“Den Rest verleihen”?

Lesen wir den letzten Satz noch einmal und bis zu Ende:

“Indem Banken nur einen Teil dieser Einlagen halten und den Rest verleihen, schaffen sie Geld; die ursprünglichen Einlagen bleiben vollständig abrufbereit …”

Also der verliehene Rest is wo? Verschwunden intro nihilo womöglich? Aber vollständig abrufbereit! Meta-mathematische Wiederaufstehung? Oder eher 101=404? 

“…aber es gibt jetzt neue Einlagen aus dem Darlehenserlös.”

 

Ach, jetzt rechnet sich das wieder? Fügt Kreditgeld sich jetzt klammheimlich der “Reserve” zu? Waren das die herumlungernden Multiplikatoren? Könnte dies ein Fall sein wo Kredit Einlagen erschafft?

“Alle Einlagen können als Zahlungsmittel verwendet werden.”

Alle? Trotz S&L Brille kommt The Economist am Ende auf die richtige Lösung. 100% Neugeld. Kein Spargroschen drin. Von Altgeld nicht zu unterscheiden. Ein privater Kredit hat sich in öffentliches Geld verwandelt. Es kommt auf Druck aus dem Geldautomaten! 100% Zentralbankbargeld.

 Also wie wurde das genau gemact?

„Aber das neue Geld entsteht durch den bloßen Federstrich der Bankiers. „Der Prozess, mit dem Banken Geld erschaffen ist so einfach, dass der Verstand abgestoßen wird“, schrieb J.K. Galbraith 1975. “Wo etwas so Wichtiges im Spiel ist, scheint nur ein tiefes Geheimnis angebracht.”

Money J K Galbraith 1975

Hallo Ex Nihilo! “Aus dem Nichts” ist allerdings auch nur Alchemistennebel. Der verschleiert die wichtige Geschichte der der Buchung vorgelagerten Bewertung eines Objekts oder Projekts aufgrund erwarteter zukünftige Erträge. Die Buchung ist nicht aus dem Nichts. Sie entstammt der Bewertung. Nix Ex Nihilo. Eher Ex Valorem.

Kreditgeldschöpfung als kapitalistischer Antriebsfaktor 

Die systematische Verwandlung von allem möglichen in zukünftige Geldwerte ist durchaus als historische Monetarisierungs- oder Kommodifizierungs-Tendenz bekannt. Aber Geld wird eher als Folge denn Ursache begriffen. Doch ohne die relevanten Finanzinstrumente haette so manche Grafin schon nicht ihr Schloesschen in Tulpenzwiebeln verfluessigen koennen. Bei der Venetischen wollverarbeitenden Industrie waren die Zinskosten des geliehenen Kapitals für die Unternehmer eine disproportionale Last die sie nach unten drückten bis zum Widerstand der Arbeiter. Ähnlich ist E.M. Woods’ Capitalist Farmer nicht ohne die Country Banks denkbar.

Alfred P. Sloan’s GM triumphiert über Ford mit Konsumer Kredit. Deirdre McClosky’s Opus ist auch sehr lehrreich betreffs der entscheidenden Rolle finanztechnischer Erfindungen. Und selbst als Versicherungsinstrumente haben Finanzinstrumente immer was mit Kredit auf die bewertete Zukunft zu tun.

Ein Versprechen war schon immer ins Geld geschrieben. Das ist allzu offensichtlich wenn man geschichtlich die Münzgeburten überfliegt und das Mesopotamische KontoKreditGeldsystem studiert. Die Verflechtungen von Ermächtigung und (Ohn)Macht in der Schuldner/Gläubiger Dynamik lesen sich wie ein ewiger Klassen- und Positionierungskampf.

Neu am Kapitalismus ist womöglich primär ein Geldsystem in dem ein Capital/Sate Nexus ein private/öffentlich verflochtenes Kreditgeldsystem kontrolliert. Kreditgeldallokation nicht nur als irrelevante Folge sondern systemische Ursache in der politischen Ökonomie zu begreifen mag die Orthodoxie umknöpfen, ist aber jedem selbstständig Wirtschaftenden oder Unternehmenden eine alltägliche Offensichtlichkeit.

Dem geldschöpfenden Bankier war es immer schon klar dass man im hybriden Fiat-System bisweilen souveräner als der Staat agieren kann.

“Give me control of a nation’s money and I care not who makes it’s laws” 

history.stackexchange.com/did-rothschild-say-this-famous-quote-if-yes-what-did-he-mean-by-it

So wie meine Kreditbeurteilung meine Optionen einschränkt so lässt sich allgemein sagen : je mehr ich schon habe, oder zu haben scheine, desto mehre Kredit bekomme ich. Dieselbe Logik des Matthäus Effekts treibt die Kapitalisierung, wie sie Jonathan Nitzan und Shimshon Bichler in ihrer paradigmatischen “Capital as Power”(CasP) Meta-Theorie beschreiben. Monetarisierung als Kommodifikation und Kapitalisierung via Kreditgeld scheint gut zu passen zu der archetypischen kapitalistischen Formel die CasP verwendet um Kapitalisierung auszudrücken:

Wenn man bedenkt, wie viele Ökonomen hoffnugsvoll ihr Werk damit begannen sich eine “Wissenschaft des Geldes” vorzustellen, wartet die Produktion und Allokation von neuem Geld schon seltsam lange darauf berücksichtigt zu werden. “Kredit zu berücksichtigen” in der Modellierung scheint sehr zu helfen, wenn man die Realwirtschaft modellieren möchte.

Steve Keen Minsky models
Minsky Models

Eine Realwirtschaft die orthodoxerweise als Tausch von Nützlichem gedacht wird, obwohl man immer nur Preise hat. Der Wert ist längst verloren in der unmessbaren Unauffindbarkeit eines Wertmasses auf der Startseite der Wert/Preis Gleichung. Interessanterweise könnte eine ökologische Ökonomie der Weg sein, um die Leerstelle mit den messbaren Werten der Ökophysik zu besetzen?

Aber das führt weit weg von den imaginären Equilibria der Orthodoxie zu den realen Equilibria der global ökologischen Nachhaltigkeit. Also eine Wahnsinnslernkurve weit weg vom Mainstream Dogma. Und eher theoretisch.

Im dritten Teil kehren wir zum Sonderbericht zurück. Wir sehen wie wenig TheEconomist zur überwältigenden Dominanz von Kreditgeld zu sagen hat, bestaunen wie der Orthodoxie das Geld im Tausch abhanden kam und nähern uns der dynamischen Komplexität des real existierenden KreditGeldsystems.


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