Joseph Vogl – Märkte ohne Gott – FAZ -2011

Frankfurter Allgemeine Zeitung – Besprechung – 23.01.2011

Märkte ohne Gott

Joseph Vogl  liest die Ökonomie wie einen literarischen Text und findet lauter Fiktionen: “Das Gespenst des Kapitals” – ein Buch, so wirksam wie ein Crash

Von einer Entzauberung der Finanzwirtschaft ist die Rede, von einem frontalen Angriff auf kapitalistische Mythen und von einer Entlarvung der neuen Märkte: Der phänomenale Ruf, der das Buch mit dem suggestiven Titel “Das Gespenst des Kapitals” im deutschen Feuilleton begleitet, könnte Ökonomen erst mal skeptisch machen. Mit welcher Kompetenz will es ein Literaturwissenschaftler denn da wohl besser wissen als der vereinigte Sachverstand all jener Fachleute, die seit Jahrhunderten den Regeln und Tücken des Marktes auf die Spur zu kommen suchen? Läuft das nicht bloß wieder auf das antikapitalistische Geraune hinaus, wie man es allzu lange aus der kulturellen Sphäre gewohnt ist?

Tatsächlich dürften Volkswirtschaftlern die einzelnen in Joseph Vogls Buch ausgebreiteten Fakten nicht neu sein. Insbesondere die schwindelerregende Selbstbezüglichkeit des Derivatenhandels war während der Finanzkrise ja auch vor einem größeren Publikum ausführlich dargestellt worden. Was dieses Buch so ungewöhnlich und bedeutsam macht, ist seine Perspektive.

Der Literatur- und Kulturwissenschaftler Vogl liest ökonomische Theorien nicht anders als literarische Texte und Zeugnisse fremder Kulturtechniken, die er auf deren innere Logik und auf deren Geltungsbereich hin überprüft. So kann sein Blick den in sich geschlossenen Kreislauf durchbrechen, der sich zwischen Modellierung und Erklärung der wirtschaftlichen Realitäten etabliert hat. Vogl beschreibt, wie die ökonomischen Theorien die Wirtschaft mit denselben Instrumentarien analysieren, mit denen sie diese selber entworfen haben. Diese Zirkularität hat aber offenbar dazu geführt, dass die Marktgesellschaft im allgemeinen Bewusstsein bis heute als etwas Organisches gilt, das der Natur des Menschen und seiner Gesellschaften entspricht.

DeLillo lesen!

Eben diese Idee stellt Vogl infrage. Er spricht den ökonomischen Theorien, die er analysiert, nicht ihren Scharfsinn im Detail ab, wohl aber die Fähigkeit, das Ganze der Wirtschaft zu beschreiben, und damit ihr so selbstverständlich behauptetes Recht, den Menschen und die Gesellschaft nach ihrem Bild zu formen. Am Ende seines Essays spricht er von einer “Säkularisierung ökonomischen Wissens”, die es möglich machen soll, “Ökonomien ohne Gott, Märkte ohne Vorsehung und Wirtschaftssysteme ohne prästabilierte Harmonien in Rechnung zu stellen”. Erst nach dieser theoretischen Arbeit werde die Politik in der Lage sein, die Operationsfelder des Marktes sachlich und normativ zu begrenzen. “Man kann Märkte nicht vor ihren Krisen und Einbrüchen bewahren”, schreibt Vogl, “aber man kann die Abhängigkeit von ihnen reduzieren.”

Er will also nicht mit den Ökonomen konkurrieren; sein eigentlicher Gegenstand ist nicht eine Super-Theorie, sondern die Leerstelle, die zwischen den Theorien und ihrem Totalitätsanspruch klafft und die er so genau wie möglich zu umreißen sucht.

Schon vom unterkühlten Stil her beruht die Faszination, die von diesem Buch ausgeht, auf einer Umkehrung der gewohnten Realismus-Zuschreibungen: Während die vermeintlich wirklichkeitsgestählten Theorien der Wirtschaft hier als ein Reich der Fiktionen erscheinen, fungiert die Literatur als Beglaubigung einer Realität jenseits der Systeme und mithin als eine Kraft, die eine Lücke in die Geschlossenheit ihrer Glaubenssätze zu sprengen vermag. Der ganze Essay lässt sich als Fußnote zu dem Roman “Cosmopolis” von Don DeLillo lesen, dessen Nacherzählung Vogl an den Beginn seines Buchs stellt.

In dem 2003 erschienenen Roman unternimmt der milliardenschwere Fondsmanager Eric Packer einen Ausflug in gepanzerter Limousine von seinem Luxusapartment in Manhattan in die ärmlichen, chaotischen Gegenden seiner Kindheit, und während dieser langen Reise in die Ungewissheit, in deren Verlauf er aus unklaren Gründen seinen Sicherheitschef ermordet, steigt der Wert des japanischen Yen “entgegen den Erwartungen” ins Uferlose, was von dem zusammenspekulierten Kapital des Protagonisten am Ende nichts mehr übrig lässt. Dem rätselhaften Ruin entspricht da eine eigentümliche existentielle Verwahrlosung, die natürlich nicht Gegenstand der Ökonomie ist, die aber in Vogls Analyse den ständig präsenten Hintergrund abgibt. Wie ist dieser ungeheuerliche Wirklichkeitsverlust zu erklären, der sich in dem Roman manifestiert, aber doch offensichtlich auch in der Nachrichtenlage der sich in den letzten zwanzig Jahren mehrenden Finanzkrisen?

Robinson Crusoe sein!

Die Geschichte des Irrealen beginnt für Vogl nicht erst bei den von wirtschaftlichen “Fundamentaldaten” weitgehend losgelösten Termingeschäften, sondern gleich schon bei den Anfängen der neuzeitlichen Ökonomie, die ihre Entwürfe auf dem Konzept eines “ökonomischen Menschen” aufbaut. Dieses durch Begierden und Interessen definierte Wesen, das im siebzehnten Jahrhundert zum ersten Mal auftaucht, findet seinen literarischen Typus in der Romangestalt Robinson Crusoe, die weiß, dass “die Ordnung der Welt weder gegeben noch unmöglich ist, sondern hergestellt werden muss”. Alle Gesetze und Einrichtungen haben sich fortan daran zu messen, wie sehr sie dieser Idee des Menschen entsprechen, dessen Selbstsucht der neuen Theorie nach umso mehr ungewollt zum Wohl aller gereiche, als sie nicht durch den Staat unnötig eingeschränkt ist.

So ist für Vogl die Marktgesellschaft neueren Typs keineswegs organisch aus den früheren bedarfsorientierten lokalen Märkten erwachsen, sondern aus der Unterwerfung der Gesellschaft unter ein angebliches Naturgesetz. Seither fungiere “Markt” auch nicht bloß als Beschreibungsfigur, sondern als Utopie, als “idealbildliche Abstraktion”, dem sich die real existierende Wirtschaft nur mehr und mehr annähern könne: “Auch wenn man nicht wirklich wissen kann, ob Realökonomien tatsächlich zum Ausgleich tendieren, müssen Gleichgewichtsannahmen als eine logische oder theoretische Notwendigkeit angesehen werden.”

Die nächste entscheidende Abstraktionsstufe erkennt Vogl in der Banknote. Seitdem zuerst die Bank von England 1797 von der Pflicht befreit wurde, die “beständige Deckung des umlaufenden Papiergelds zu garantieren”, sei die Banknote gleichzeitig durch das Versprechen auf die Realisierung eines bestimmten Geldbetrags gekennzeichnet wie durch das Fehlen ebendieses Betrags. Damit ein solches System nicht gleich zusammenbricht, ist ein endloser Aufschub nötig, eine in eine unabsehbare Zukunft hinein verlängerte Kette von Zahlungsversprechen. “Die Kreditzirkulation”, schließt Vogl, “basiert auf der Paradoxie eines ,sich selbst garantierenden Geldes’ und erweist sich als Schauplatz effektiver Fiktionen oder ,Dichtung’, auf dem der Umlauf des Scheinhaften tatsächlich zur Determinante ökonomischer Relationen gerät.”

Mandelbrot glauben!

Diese Grundkonstellation wurde in Vogls Lesart in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts dann radikalisiert und zur Probe auf die Reinheit des Marktes schlechthin erhoben. Nachdem die Vereinbarung von Bretton Woods, die die Finanzmärkte am Goldstandard orientieren wollte, aufgekündigt worden war, gewann ein Manifest an Einfluss, in dem Milton Friedman forderte, die Absicherung gegen die Risiken des Marktes den Märkten selbst zu überlassen. Währungsschwankungen sollten also mit Währungsterminkontrakten abgesichert werden, Preisdifferenzen mit Wetten auf Preisdifferenzen. “Hier werden”, formuliert Vogl, “gegenwärtige Preise für Nichtvorhandenes nach der Erwartung künftiger Preise für Nichtvorhandenes bemessen. Hier werden Preise mit Preisen bezahlt.” Der Markt der entsprechenden Finanzprodukte entwickelte sich zum weltweit größten Markt überhaupt; wo der Handel mit Derivaten etwa, bei denen auf die Entwicklung von Kreditpaketen gewettet wird, Anfang der siebziger Jahre bloß ein Volumen von wenigen Millionen Dollar hatte, erreichte er hundert Milliarden im Jahr 1990 und etwa hundert Billionen zehn Jahre später – “das Dreifache des weltweiten Umsatzes an Verbrauchsgütern”, wie Vogl lakonisch vermerkt.

Diese “Märkte aller Märkte” machen mathematische Berechnungen und den durch das Internet beschleunigten Austausch von Informationen immer nötiger, lassen den Rationalitätsaufwand also erheblich steigen. Doch zugleich fühlt sich Vogl bei den Untersuchungen von Wertpapierpreisen, die der Mathematiker Mandelbrot vornahm, an die verwirrenden Befunde des Physikochemikers Ilya Prigogine erinnert: “Während sich turbulente Zustände aus makroskopischer Sicht völlig irregulär und chaotisch präsentieren, erweisen sie sich auf mikroskopischer Ebene als höchst organisiert.” Offenbar funktioniere die effektive Verteilung von Informationen einfach nicht mehr.

Joseph Vogl begnügt sich nicht damit, die schaurige Schönheit auszumalen, die im Nachweis der Geschlossenheit von Systemen liegen kann – das konnte man sich vielleicht nur in Zeiten leisten, als noch alles mehr oder weniger zu funktionieren schien. Sein Buch ist, mit anderen Worten, nicht zynisch. Eher könnten manche es für gefährlich halten. Wenn die gegenwärtige Wirtschaft, wie Vogl nahelegt, nur unter der Voraussetzung funktioniert, dass alle an ihre Fiktionen, ihre vermeintlichen Gesetze, glauben, trägt sein Agnostizismus nicht gerade zur Stabilität bei. Aber es gibt keine andere Wahl. Von der Erfahrung des Kollaps her gesehen, die diesen Essay veranlasste, kann man es sich nicht mehr leisten, die Vernunft dem Markt allein zu überlassen.

MARK SIEMONS

Joseph Vogl: “Das Gespenst des Kapitals”. Diaphanes, 224 Seiten, 14,90 Euro

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Frankfurter Allgemeine Zeitung – Rezension
Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Großartig findet Rezensent Christian Schlüter diesen Essay des Kulturwissenschaftler Joseph Vogl, der darin der ökonomischen Lehre mit literaturwissenschaftlichen Mitteln beizukommen versucht. Vogl macht sich daran, den wirklichkeitsfernen Kern der Wirtschaftswissenschaft herauszuarbeiten und verfolgt über die Jahrhundert, auf welch fiktionalem Grund die aberwitzigsten Theoreme aufgestellt wurden. Schlüter öffnet das die Augen, und er erkennt in so manchem ökonomischen Text eine geradezu “verzweifelte Flucht nach vorn”. Dankbar ist der Rezensent auch für den Hinweis auf den Mathematiker Benoit Mandelbrot, der schon in den 60er Jahren von der “launischen oder monströsen Ereignishaftigkeit” des ganz und ganz irrationalen Marktes sprach, von den “freak events”. Überfällig erscheint Schlüter Vogls Plädoyer für eine “Säkularisierung des ökonomischen Wissens”.

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“So pointiert, faktengesättigt und geistesgeschichtlich inspiriert kommt keine zweite Analyse unserers Wirtschaftssystems daher.” Christian Geyer, FAZ
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